279. Newsletter: Hochspannungsleitungen wohin und wofür?

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Leserbrief zu „Wo wird Erdkabel verlegt?“, NOZ v. 15.12.15

Sehr geehrte Damen und Herren,
Das Foto zu Ihrem Artikel ist ein Volltreffer. Es zeigt in schöner Übersicht, worauf es ankommt, und davor die Referenten, Fachleute allesamt, die aber zu der wichtigsten Frage nichts zu sagen wussten. Diese Frage lautet: Brauchen wir die Leitungen überhaupt?

Die Antwort ist ein klares Jein. Ja, teilweise, weil es das erklärte Ziel der Bundesregierung ist, in Zukunft einen Großteil unseres Stromes in der Nord- und Ostsee (offshore) zu erzeugen („da wo die Windanlagen keinen stören“). Und dann muss die Energie auf den neuen Stromautobahnen von Norden zu den Verbrauchszentren im Süden geleitet werden.
Und nein, weil inzwischen lange klar geworden ist: Die Offshore-Windanlagen werden gar nicht alle gebaut und auch nicht gebraucht. Denn die Verheißung der Windenergie auf See („doppelt so teuer, dreifacher Ertrag“) hat sich leider nicht bewahrheitet, eher umgekehrt: Sie ist wesentlich teurer und der Mehrertrag geringer. Und überall im Binnenland werden Windanlagen gebaut, weil es sich eben lohnt und der Windstrom auch im Binnenland eben nur etwa die Hälfte kostet verglichen mit Windstrom von der See. Und wenn die Bundesregierung eines Tages auch beim Ausbau der Solarenergiedie Handbremse wieder löst, kann dieser auch wieder voran schreiten, und zwar sogar schneller als geplant, wie die Vergangenheit gezeigt hat. Also: Ein Teil der Nord-Süd-Fernleitungen wird wahrscheinlich obsolet, bevor er gebaut wird.

Die Karte auf dem Foto zeigt aber noch ein erstaunliches Phänomen, das uns nachdenken lassen sollte: Zwei der geplanten Stromautobahnen führen von Süden gar nicht nach Norden an die See, sondern direkt in die Bereiche Köln-Aachen und Leipzig-Dresden, also dorthin, wo heute die großen Braunkohlengebiete liegen, die auch noch ausgeweitet werden sollen, und die dazugehörigen Braunkohle-Großkraftwerke, zur Zeit unsere dreckigsten Stromerzeuger. Und die sollen ja bekanntlich noch lange laufen. Hier drängt sich unmittelbar der Verdacht auf, dass die Offshore-Windenergie als Argument herhalten soll (und später auch als Kostenträger) für neue Leitungen, die in Wirklichkeit der langfristigen Auslastung der Braunkohlekraftwerke dienen sollen.

Niemand von den Experten auf dem Podium hat diesem Verdacht widersprochen. Von der Sache her wollte man dazu gar nichts sagen. Da heißt es also „Augen auf!“ bei jeder weiteren Trassenplanung. Es ist zunächst einmal die Notwendigkeit jeder neuen Trasse in Frage zu stellen und zu fragen: Für welchen Strom eigentlich?

Und es muss ein weiteres Credo der Trassenplanung in Frage gestellt werden: „Netze sind billiger als Speicher“, heißt es beim Think Tank Agora Energiewende, dessen Studien der Regierungs-Planung zu Grunde liegen. Das war gestern noch richtig und ist morgen in vielen Fällen schon falsch, denn die Speicherpreise sind aktuell stark am Fallen: Viele Firmen bieten heute Speichersysteme an – kleine für den Haushalt, große für ganze Stadtteile. Sie haben die Prototypen-Phase längst hinter sich, sind in der Serienfertigung und der Markt erlaubt ihnen, die Losgröße ständig zu erhöhen. Die Lernkurve lässt die Preise ständig sinken, und die Konkurrenz tut ein Übriges dazu. Gestern noch unwirtschaftliche Speicher bringen morgen – teilweise schon heute – Gewinn, indem sie Solar- und Windenergie zwischenspeichern und verstetigen und den Netzausbau teilweise überflüssig machen. Wie viel, das wird man sehen.

Die Klimakonferenz von Paris war ein Schritt voran: Ein großer für alle, die bisher gezögert haben (und es auch noch immer tun), und ein kleiner für Länder wie Deutschland, in denen die Energiewende Programm ist. Hier sind wir aufgerufen, selbst mit großen Schritten voran zu gehen – und die Welt schaut auf uns. „Wir schaffen das“ gilt auch für die Energiewende, aber nicht mit neuen Leitungen für den Braunkohlenstrom, sondern durch mutige nationale Programme für die Erneuerbaren Energien und beherztes Handeln lokal: Endgültiger Ausstieg der Stadtwerke aus der Kohle. Und durch Selbermachen: Rad fahren, Computer abschalten, Solarmodul ans Balkongitter, Kollektoren aufs Dach, Heizung erneuern, Trockner rausschmeißen, richtig lüften, richtig dämmen. Und wenn uns dabei ein Licht aufgeht, dann mit LED.

Klaus Kuhnke
Solarenergieverein Osnabrück e.V.