Leserbrief zu: „G-7-Staaten wollen Kohle-Ausstieg“, NOZ v. 9.6.2015

Eine gute Nachricht?
Eigentlich sollten wir uns freuen. Endlich haben sich die Mächtigen dieser Welt auf ein deutliches Klimaschutz-Signal geeinigt: Die Erderwärmung auf 2 Grad zu begrenzen, die Treibhausgase bis 2050 um 40 bis 70 Prozent zu reduzieren und eine Weltwirtschaft ohne fossile Energieträger wie die Kohle zu ermöglichen. Das wollten wir doch immer: Dass die Regierungen sich endlich mal auf Klimaschutz einigen.

Zugegeben: Es war mehr, als die meisten von uns sich zu erhoffen getraut haben. Doch es gibt eine Menge „Aber“ in der Nachricht. Dass China, Russland, Indien und Brasilien gar nicht gefragt wurden und nun auch erstmal vom Klimaschutz überzeugt werden müssen, nennt der Kommentator zu Recht eine große Herausforderung. Mindestens ebenso schwerwiegend ist der Zeithorizont. Erst „im Laufe des Jahrhunderts“ eine kohlenstofffreie Weltwirtschaft zu Stande zu bringen, ist viel zu langsam, folglich nicht zu akzeptieren.  Kommen die entscheidenden Maßnahmen erst nach 2050, so ist das 2-Grad-Ziel nicht mehr zu halten,  und die globale Temperatur geht „durch die Decke“.

Das liegt an den selbstverstärkenden Mechanismen im Klimawandel; einige davon sind leicht zu verstehen.
1. Methan aus dem Permafrost: Tauen die gefrorenen Sümpfe der Tundra auf, so blubbert Methan heraus (das ist praktisch Erdgas). Methan ist 25-mal klimawirksamer als CO2, kleine Mengen verstärken also schon die Erderwärmung. Folglich taut mehr Permafrost auf und setzt noch mehr Methan frei, es wird noch wärmer usw.
2. CO2 aus dem Ozean: Kohlenstoffdioxid (CO2) ist im Ozean gelöst ähnlich wie in einer Seltersflasche. Mit steigender Temperatur nimmt die Löslichkeit ab. Das CO2 gast aus in die Atmosphäre. Dort verstärkt es den Treibhauseffekt, die Temperatur steigt weiter, mehr CO2 gast aus usw.
3. Die Erde wird dunkler: Schnee und Eis reflektieren das Sonnenlicht; sie sind weiß. Schmelzen die Gletscher und das polare Eis, so kommt dunkler Boden zum Vorschein. Was dunkel ist, nimmt die Sonnenstrahlung auf (absorbiert sie) und wird warm. Die Atmosphäre erwärmt sich stärker, mehr Schnee und Eis schmelzen ab usw.

Wenn nicht sehr schnell drastische Maßnahmen zum Klimaschutz ergriffen werden, nehmen diese selbstverstärkenden Effekte überhand (es gibt noch mehr davon), die Erderwärmung beschleunigt sich und ist dann nicht mehr zu bremsen: Das Klima „kippt“. Davor warnen Wissenschaftler immer wieder. Unser Handlungsspielraum sind die nächsten zwei Jahrzehnte, nicht das „Jahrhundert“, wie auf Schloss Elmau von der großen Politik beschworen.

Darin liegt das Trügerische der Beschlüsse von Elmau: Im Prinzip richtig, aber viel zu spät. Das Klima wartet nicht. Wenn wir es schützen wollen, dann schnell. Mein Tipp: Globale Abkühlung selber machen, mehr Bus und Bahn und Rad fahren, Strom sparen durch LED und Ausschalter, Wärme sparen durch neue Heizung, bessere Fenster, Türen und mehr Dämmung, immer mehr Strom und Wärme selber machen aus Sonne und Wind. Technisch geht das schon lange, und immer mehr Leute zeigen, dass es auch wirtschaftlich machbar ist. Man muss nur ein paar Fachleute fragen – und es dann auch wirklich machen.

Klaus Kuhnke
Solarenergieverein Osnabrück e.V.