016. Newsletter: Klimastreit um Kohlekraft

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Leserbrief zu „Stadtwerke setzen auf mehr Kohlestrom“ (28.11.) und „Klimastreit um Kohlekraft“ ( 29.11.07)

Auf die Nutzung kommt es an.Sehr geehrte Damen und Herren,
alle reden vom Klimaschutz, und die Stadtwerke setzen auf ein neues Kohlekraftwerk. Da bleibt einem erstmal die Spucke weg.

Grundsätzlich gilt: Deutschland ist erneuerbar, und nichts geht schneller als die Einführung der Erneuerbaren Energien. Doch davon später.

Denn man sollte die Frage „Kohle nein oder ja oder wie?“ differenziert betrachten:

1. Dass die Stadtwerke als kommunales Unternehmen ihre Eigenerzeugung kontinuierlich stärken, ist uneingeschränkt zu begrüßen. Nicht erst die jüngsten Strompreiserhöhungen zeigen, wie wichtig es ist, sich möglichst unabhängig vom Quasi-Monopol der großen Stromerzeuger zu machen.

2. Alle herkömmlichen Energieträger haben ihre Nachteile: Kernenergie wollen wir nicht, vom Gas sind wir jetzt schon viel zu einseitig abhängig, und die Kohle ist der klimaschädlichste Energieträger, den wir haben.

3. Wenn neue konventionelle Kraftwerke, dann unter allerbester Brennstoffausnutzung. Moderne Technologie mit hohem Wirkungsgrad ist selbstverständlich. Richtig  ausgenutzt wird der Brennstoff aber erst, wenn auch die Abwärme möglichst vollständig verwendet wird, die bei der Stromerzeugung unvermeidlich mit anfällt. Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) heißt das Prinzip, und realisiert wird es in Heizkraftwerken. Genau das haben die Stadtwerke vor am Standort der Bayer-Werke in Uerdingen: Massiv Strom zu erzeugen und die Abwärme ins Bayer-Werk und in nahe gelegene Wohngebiete einzuspeisen und so auf der Wärmeseite im gigantischen Umfang Gas bzw. Kohle einzusparen und entsprechende Mengen vom Treibhausgas CO2 . Dagegen ist nichts einzuwenden, wenn es dabei bleibt. Kraft-Wärme-Kopplung ist aber die Bedingung, und an ihr muss sich jede neue Kraftwerksentscheidung messen lassen.

4. Am besten wäre natürlich die Entscheidung für ein neues Heizkraftwerk (also mit KWK) innerhalb oder in der Nähe der Stadt, das Strom macht für Osnabrück und auch die Wärme in die Stadt einspeist. Da wir, anders als Wolfsburg und Hannover, noch kein funktionierendes Fernwärmenetz haben (und Nahwärme nur in Ansätzen), ist die Politik gefordert, Strukturen zu schaffen – zusammen mit den den Stadtwerken – welche Einspeisung, Verteilung und Verbrauch von Fernwärme überhaupt erst möglich machen. Dies wird es auch nicht zum Nulltarif geben. Aber Wärme wegschmeißen bei der Stromproduktion und nochmals massiv Gas verbrennen nur für die Heizung, das werden wir uns in Zukunft nicht mehr leisten können.

5. Natürlich ist Deutschland erneuerbar, d.h. in Zukunft durch regenerative Energien zu versorgen. Das zeigen Studien des Wuppertal-Instituts, der Enquêtekommission des Deutschen Bundestages, des Deutschen Instituts für Luft- und Raumfahrt etc. Schon der alte RWE-Direktor Stoy hat seinerzeit vorgerechnet, dass unter vernünftigen Annahmen allein die Solarenergie von der Bilanz her den ganzen deutschen elektrischen Energieverbrauch decken kann, von Rationalisierung und Stromeinsparung, von Wind-, Bioenergie und Erdwärme ganz zu schweigen. Daran hat sich bis heute nichts geändert, nur die Sonnenstrahlung ist mehr geworden – durch den Klimawandel.

6. Zuwachsraten von 20-40 Prozent im Jahr belegen: Nichts geht schneller als die Einführung der Erneuerbaren Energien (EE). Wenn denn die Rahmenbedingungen stimmen, in diesem Falle das Erneuerbare-Energien-Gesetz, das sich gerade in der Endphase der Novellierung befindet. Aber auch wenn wir weiter Weltmeister bleiben und die EE weiter massiv ausbauen und immer mehr Strom aus Sonne und Wind, Erde, Wasser und Biomasse machen, steuern wir auf eine vorläufige Versorgungslücke zu. Diese eine Zeit lang mit konventioneller Kraft-Wärme-Kopplung zu füllen, kann durchaus sinnvoll sein. Auch mit Kohle, vorläufig.

7. Verhindern müssen wir unter allen Umständen den Neubau von Kohlekraftwerken auf der grünen Wiese ohne KWK, also ohne Nutzung der Abwärme. Diese würden in den nächsten 30 Jahren mit Begründungen wie „Rendite“, „abgeschrieben“, „preiswerte Energie“ und „CO2-Abscheidung“ (wer soll das glauben?) alle Bemühungen zu einem wirksamen Klimaschutz in Deutschland diametral torpedieren.

8. Die Politik ist aufgerufen – wenigstens für Osnabrück und unsere Stadtwerke  – diesen ‚worst case‘ auf jeden Fall und zuverlässig zu unterbinden.

9. Die Stadtwerke sind aufgerufen, aus der Not eine Tugend zu machen und der drohenden Versorgungslücke zu begegnen durch einen mutigen Einstieg in die Kraft-Wärme-Kopplung im großen Maßstab – und sich dies von der Politik absichern zu lassen: Als Investition in die Zukunft.

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. Klaus Kuhnke
Fachhochschule Osnabrück
Postfach 1940, D-49009 Osnabrück
Tel. +49-541-969-2178, Fax -3099
k.kuhnke@fh-osnabrueck.de