127. Newsletter: Strompreis teurer durch EE?

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Liebe Solarfreunde,
dass der Solarstrom einfach nur alles immer teurer macht und dieser Luxus uns rein gar nichts nützt, diesem gern an der Öffentlichkeit verbreiteten Märchen wollen wir heute noch einmal – nein: dreimal – entgegentreten.

Da wäre zuerst die sehr bemerkenswerte Monitor-Sendung vom 21.10.2010, als Video anzusehen unter
http://www.wdr.de/tv/monitor/sendungen/2010/1021/strom.php5
Hier wird gezeigt, wer solche Studien in Auftrag gibt und finanziert, die zum Ziel haben, die Erneuerbaren in Misskredit zu bringen, indem sie nur die Nachteile und Kosten zeigen, die bereits heute wirksamen wirtschaftlichen Vorteile aber gewissenhaft verschweigen.
Ein gelungenes Stück Lobbyarbeit des Konzerns RWE, dem in dieser Sendung einmal die Hose runter gezogen wird.

Dann Hans-Josef Fell: Er rechne t kurz und knapp die Kosten und die Gewinne vor, die wir durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz haben. Eine kurze Tabelle zeigt, dass wir durch das EEG jedes Jahr ca. 8 Milliarden Euro im Plus sind. Da kann man/frau sich eigentlich nicht beklagen. Hier der Link zur Tabelle als Powerpoint-Datei (leider nicht mehr verfügbar).

Zum Dritten die Abhandlung von Renate Heise, die mal erklärt, wie Strompreise eigentlich zu Stande kommen und wie die Erneuerbaren sich an der Strombörse auswirken. Ein Leserbrief, den die NOZ noch nicht gedruckt hat. Hier ist er:

Leserbrief zu „Zehn Euro mehr im Monat für Strom“ vom 26.10.10
Sehr geehrte MitarbeiterInnen,
ich würde mich sehr freuen, wenn Sie nicht nur diesen Leserinnenbrief veröffentlichen, sondern in den nächsten
Wochen auch durch eigene gut verständliche Artikel die Öffentlichkeit über die ses Thema aufklären.
Es gibt sehr anschauliche Grafiken im Rundbrief des Solarfördervereins in Aachen  (zentrale@sfv.de). Ich kann allen Redakteuren, die über diese Themen schreiben, nur wärmstens empfehlen, diesen Rundbrief kostenfrei zu abonnieren.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Renate Vestner-Heise

Solarstrom verbilligt den Stromeinkauf für die Osnabrücker Stadtwerke!

Zu Recht schreibt Herr Haverkamp in seinem Kommentar zur Erhöhung der Solarstromumlage, dass die Entwicklung weg von fossilen und gefährlichen Stromquellen hin zu den Erneuerbaren Energien nützlich sei – und dass die Allgemeinheit
auch bereit sein muss, dies zu finanzieren.
Ich vermisse aber, dass die Öffentlichkeit, die jetzt vielleicht trotzdem über diese Kostensteigerung stöhnt, nicht darüber informiert wird, dass der Sonnenstrom zusammen mit den anderen Erneuerbaren Energien (EE) bereits jetzt zu erheblich günstigeren Preisen an der Strombörse geführt hat.
Davon profitieren Stromeinkäufer wie die Osnabrücker Stadtwerke. Die Stromanbieter, d.h. die Besitzer atomarer und fossiler Kraftwerke ärgern sich natürlich über diese Entwicklung.
Wieso bremsen die EE den Börsenpreis für Strom?
Dafür muss man wissen, wie die deutsche Strombörse funktioniert. Aus der folgenden Erklärung wird auch deutlich, wie die 100 Mrd € Gewinne durch die Laufzeitverlängerung der AKWs zustande kommen – wo doch Atomstrom angeblich so billig sein soll.

Hohe Gewinne entstehen, wenn Güter weit über den Herstellungskosten verkauft werden. Das ist auch bei Strom so. Die Preise für Strom entstehen an der Strombörse und schwanken erheblich von Stunde zu Stunde. Sie richten sich jeweils danach, welches das teuerste Kraftwerk ist, welches gerade noch in Betrieb sein muss, um den momentanen Strombedarf
zu decken.

Um die Mittagszeit ist der Stromverbrauch in Deutschland besonders hoch. Die Fabriken arbeiten, die Mahlzeiten werden gekocht und die Klimaanlagen laufen. Deshalb müssen um die Mittagszeit die teuren Spitzenlastkraftwerke angeworfen werden. Das heißt, der Börsenpreis richtet sich um die Mittagszeit nach dem teuren Spitzenlaststrom. Das bedeutet für die Betreiber von Atomkraftwerken, dass der von ihnen gelieferte Strom den selben hohen Verkaufspreis erzielt wie der teure Spitzenlaststrom. So sind nun einmal die Börsenregeln!

Da aber der Betrieb der Atomkraftwerke eigentlich nur sehr wenig kostet, sind die Gewinne der Atomkraftwerksbetreiber gerade um die Mittagszeit riesig.

Mit anderen Worten: Die Stromkunden zahlen während der verlängerten Laufzeit der Atomkraftwerke – insbesondere z ur Mittagszeit – 100 Milliarden Euro mehr in die Kasse der Atomkraftwerksbetreiber ein, als die Herstellung des Atomstroms und seine Verteilung über das Stromnetz eigentlich kostet.

Und was erzählt die Bundesregierung den Stromkunden? Atomstrom sei billig.
So pauschal stimmt das nicht! Atomstrom ist nur für die Atomkraftwerksbetreiber billig! Die Verbraucher zahlen für den Atomstrom drei bis zehnmal so viel, wie seine Herstellung kostet.

Und nun zur Solarstromerzeugung:
Die Bundesregierung hat den Solarstromerzeugern in diesem Jahr gleich dreimal die Einspeisevergütung gekürzt. Und zu Beginn des Jahres 2011 gibt es noch einmal eine Vergütungskürzung voraussichtlich um 13 Prozent. Ziel der Bundesregierung ist es, damit den Neubau von Solarstromanlagen auf eine jährliche Menge von 3,5 GWp neue Anlagen zu beschränken. Nur zum Vergleich: In den letzten 12 Monaten haben die deutsch en Solarinstallateure bewiesen, dass sie jährlich doppelt so viel Anlagen bauen können. Das will die Bundesregierung unbedingt verhindern.

Die einzige Begründung, die in der Öffentlichkeit genannt wurde, war die Behauptung, die Solarfirmen würden zu hohe Gewinne machen und die Einspeisevergütung würde die Stromkunden zu stark belasten.

Warum diese Sorgen um die Stromkunden eigentlich nur bei Solarstrom nicht aber bei der Atomlaufzeitverlängerung?

Und wer denkt eigentlich an die Mitarbeiter bei den Solarinstallationsfirmen? Wenn diese Firmen zukünftig nur noch halb so viel Solaranlagen bauen dürfen, müssen sie etwa die Hälfte ihres Personals entlassen. Wer soll eigentlich die Arbeitslosenunterstützung bezahlen?

Aber es gibt auch noch einen engeren Zusammenhang zwischen Atomverlängerung und Solarkürzung, auf den ausgerechnet das der Energiewirtschaft zugeneigte Arrheniusinstitut aufmerksam gemacht hat:

Nach der Merit Order Regel werden die teuersten Spitzenlastkraftwerke zu allerletzt eingeschaltet.  Je teurere Spitzenkraftwerke um die Mittagszeit eingeschaltet werden müssen, desto höhere Gewinne erzielen die Atom- und die Braunkohlekraftwerksbetreiber.
Die Betreiber der großen Kraftwerke sind deshalb gar nicht erfreut, wenn um die Mittagszeit viele Solaranlagen ins Netz einspeisen, denn dann werden nicht so viele und so teure Spitzenlastkraftwerke gebraucht und dann sinkt der Börsenpreis.

Hier gibt es erfahrungsgemäß ein Verständnisproblem, das ich im Folgenden gerne aufkläre.

Der erste Einwand lautet: Solarstrom ist doch noch teurer als Strom aus dem teuersten Spitzenlastkraftwerk, wieso sinkt bei Verwendung des noch teureren Solarstrom dann trotzdem der Börsenpreis? Ja, es stimmt, Sol arstrom ist meistens teurer als Spitzenlaststrom (wenn man von wenigen Ausnahmen absieht). Aber die Regeln an der Strombörse sehen für Strom aus Erneuerbaren Energien eine Ausnahme vor.

Eine Ausnahme: Solarstrom wird zwar (wie jeder EEG-Strom) letztlich mit der gesetzlich vorgeschriebenen Einspeisevergütung bezahlt. Aber der für ihn zu zahlende hohe Preis wird teilweise außerhalb der Börse bezahlt und bestimmt NICHT den Preis der anderen Stromangebote, das heißt: den Börsenpreis.

So muss ein Stromversorger, der für die Endkunden Strom einkauft, für die eingekaufte Solarstrommenge zwar die hohe Einspeisevergütung bezahlen. Aber diese hohe Vergütung gilt nur für den Solarstrom, nicht für den Atom- und den Braunkohestrom! Der Atom- und Braunkohlestrom-Preis richten sich nach dem Börsenpreis, und der sinkt, je mehr Solarstrom eingespeist wird.

Wenn me hr Solarstrom eingekauft wird, muss für ihn seiner Menge wegen mehr bezahlt werden. Für Atom- und Braunkohlestrom sinkt hingegen der kWh-Preis. Und nun kommt die entscheidende Aufklärung: Die Menge an Solarstrom, die der Endkundenversorger einkauft, ist klein gegenüber der Menge an Atomstrom.
Vielleicht hilft ein Beispiel: Ich kaufe 10 kg Kartoffeln und 200 g Erdbeeren ein. Am nächsten Freitag kaufe ich wieder Kartoffeln und Erdbeeren. Wenn dann der Kartoffelpreis auch nur um 15 Cent/kg billiger geworden ist, dann kann ich mehr Erdbeeren einkaufen und muss trotzdem insgesamt weniger zahlen. Z.B. könnte ich von den eingesparten 1.50€ die Hälfte noch in Erdbeeren investieren ( entspricht der Umlage für den jetzt deutlich höheren Sonnenstromanteil in meinem Haushaltstrom) und 75 ct. ins Sparschwein stecken.

Die Einspeisung von Solarstrom gerade zur Mittagszeit vermindert die Gewinne der Atom- und Braunkohlekraftwerksbetreiber. Das kann pro Kraftwerk und Tag durchaus 100.000 € erreichen! Die Bundesnetzagentur berechnet für 2011 ein Absinken der Beschaffungskosten von 0,5 ct. pro Kilowattstunde – ob die regionalen Stromversorger diesen Preisnachlass an den Endkunden weitergeben, wäre natürlich interessant.

Übrigens: Mein 3-Personenhaushalt hat seinen Stromverbrauch durch Verhaltensänderung und einfache Maßnahmen von 3000 Kilowattstunden auf 1600 Kilowattstunden im Jahr reduziert. Wir zahlen jetzt deutlich weniger als noch vor wenigen Jahren, obwohl die Strompreise gestiegen sind. Da schreckt uns auch nicht die Tatsache, dass unser Ökostromanbieter die Preise wegen der angestiegenen Umlage für Solarstrom etwas erhöhen wird.

So weit der Artikel von Renate Vestner-Heise.
Für heute sonnige Grüße

Klaus Kuhnke