169. Newsletter: Leserbrief zu Wüstenstrom: Desert

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Leserbrief zu „Wüstenstrom: Desertec baut 2012 erstes Kraftwerk“, NOZ v. 1.11.11
Lachendes und weinendes Auge

Die Wüstenstrom-Initiative Desertec sehen wir mit einem lachenden und einem weinenden Auge:
Eigentlich sollten wir uns freuen: Da wird mit Solarenergie endlich mal nicht gekleckert, sondern geklotzt. Das haben wir uns immer gewünscht: So viel Solartechnik, dass die Sonne nicht nur – wie heute – 2 Prozent vom deutschen, sondern 15 Prozent vom gesamten europäischen Stromverbrauch abdecken kann. Ein ehrgeiziges Ziel, und es ist machbar. Das ist das lachende Auge.

Andererseits ist es ja gerade der Charme der Erneuerbaren und insbesondere der Sonnenenergie, dass das Angebot dezentral kommt und von jedermann und jederfrau an Ort und Stelle genutzt werden kann. Im Gegensatz dazu handelt es sich bei Desertec um riesige zentrale Einheiten, vergleichbar unseren Großkraftwerken. Klar dass diese nur von äußerst finanzstarken Akteuren gestemmt werden können, und so liest sich denn Desertec auch wie das Who is Who der deutschen Industriefinanz: Münchner Rück,  Deutsche Bank, Eon, RWE, Siemens, um nur einige zu nennen. Die Stromkonzerne, denen hier die Erneuerbaren jedes Jahr ein bis zwei Prozent Marktanteil wegnehmen, sichern sich so eine neue Existenzberechtigung und schicken sich an, unsere zentralen Energiestrukturen auch für die Zukunft festzuzimmern, und das nicht nur hier, sondern auch gleich noch in Nordafrika bis hin zum Mittleren Osten. Desertec wird uns noch viel Geld kosten: Die genannte Investitionssumme von 600 Millionen Euro für nur 150 Megawatt bedeutet 4000 Euro pro Kilowatt installierter Leistung, ein stolzer Preis im Vergleich zur Fotovoltaik, die heute schon weniger als 2000 Euro pro Kilowatt kostet. Und mit Argumenten wie „Technologiesprung“, „Marktführerschaft“  usw. wird bei der Regierung heute schon der Weg für das Einwerben gewaltiger Forschungs- und Entwicklungs-Millionen geebnet – auf Kosten des Steuerzahlers.

Zwei Zitate von unseren Solarkollegen aus Tunesien: „Desertec ist eine wunderbare Idee – aber in den Händen der Tunesier, Marokkaner, Ägypter“ und – im Hinblick auf den Sand, der sich bei Sturm in die Ritzen jedes Getriebes setzt und glänzende Spiegel zu Milchglas machen kann – „Die kennen die Wüste noch nicht“.

Sonnenstrom können wir sehr gut auch hier zu Hause machen, und nächstes Jahr ist die Kilowattstunde aus Fotovoltaik vom Hausdach in Deutschland genau so billig wie die aus der Steckdose: Dafür brauchen wir kein Desertec.

Klaus Kuhnke